21. April 2026
Was macht das Bundesverfassungsgericht?
Der Thementag am 17. April 2026 ermöglichte Einblicke in die Arbeit eines der höchsten deutschen Gerichte
Anlässlich des 75. Geburtstags des Bundesverfassungsgerichts fand der erste Thementag der Stiftung Forum Recht in diesem Jahr rund um das oberste Gericht für Verfassungsfragen statt. Nach einem Besuch des Gebäudes inklusive anschaulichen Erläuterungen, trafen die 26 Teilnehmenden die Richterin Dr. Yvonne Ott zu einem ausführlichen Gespräch im großen Sitzungssaal des Gerichts.
Nach dem Mittagessen lief die Gruppe die wenigen hundert Meter vom Schloßbezirk bis zu den Stiftungsräumen neben dem Bundesgerichtshof. Nachmittags folgten zwei Fachvorträge und ein Workshop, die das Thema Bundesverfassungsgericht, seine Aufgaben und Herausforderungen vertieften. Das war der Tagesablauf.
Ein atemberaubender Aufstieg: Was wir aus der Geschichte des Bundesverfassungsgerichts lernen können
PD Dr. Frieder Günther, Historiker und Leiter Forschungskoordination und Wissensmanagement der Stiftung Forum Recht, nahm das Publikum in einem anschaulichen Bericht mit in die Anfangsjahre des Bundesverfassungsgerichts. Er zeichnete nach, wie sich das Gericht in den 1950er- und 1960er-Jahren entwickelte. Er erzählte von prägenden Persönlichkeiten, dem institutionellen Aufstieg und richtungsweisenden Entscheidungen.
Am Ende seines Vortrags warf er einen Blick in die Gegenwart und stellte die Frage, was sich aus dieser Geschichte lernen ließe. Dabei machte er deutlich: Vieles von dem, was heute selbstverständlich wirkt – etwa die herausgehobene Stellung des Gerichts oder sein geschlossenes Auftreten –, war keineswegs von Anfang an gegeben.
Verfassungsbeschwerden und die Rolle des Bundesverfassungsgerichts aus Anwaltsperspektive
Im Anschluss gewährte Prof. Dr. Werner Finger, Anwalt mit Schwerpunkt Verfassungsrecht, einen praxisnahen Einblick in die Verfassungsbeschwerde – aus der Perspektive eines Anwalts. Er zeigte auf, wie hoch die Hürden in diesem Verfahren sind: In den vergangenen zehn Jahren hatten weniger als zwei Prozent der Beschwerden Erfolg. Gleichzeitig betonte er, dass grundsätzlich jede Person eine Verfassungsbeschwerde einreichen kann, wenn sie sich in ihren Grundrechten verletzt sieht. Anhand anschaulicher Fallbeispiele machte er deutlich, wie das Verfahren abläuft und wo typische Schwierigkeiten liegen.
In seinen Schlussworten hob er hervor, dass das Verfassungsgericht trotz seiner zentralen Rolle im Rechtsstaat kein starkes Organ im klassischen Sinne sei. Vielmehr sei es in besonderem Maß auf das Vertrauen und die Unterstützung der Bevölkerung angewiesen, um wirksam arbeiten zu können.
Nach den Vorträgen setzten sich die Teilnehmer:innen in einem Kurzworkshop mit dem Vermittlungsteam der Stiftung vertiefend mit einzelnen Fragestellungen zum Bundesverfassungsgericht auseinander. Der Thementag klang schließlich in einer offenen und konstruktiven Gesprächsrunde aus, in der Eindrücke geteilt und zentrale Erkenntnisse gemeinsam reflektiert wurden.
Der Instanzenzug und das Bundverfassungsgericht
Das Bundesverfassungsgericht
Das Bundesverfassungsgericht nahm nach seiner Gründung im Jahr 1951 eine besondere Stellung unter den staatlichen Institutionen ein und ist seither Vorbild für viele Verfassungsgerichte anderer Staaten. Als Gericht, das die Verfassungsmäßigkeit von Recht und Gesetz überprüft, ist es nicht Teil des gerichtlichen Instanzenzugs, sondern steht gewissermaßen neben den Fachgerichten und der ordentlichen Gerichtsbarkeit. Nicht nur das Verhältnis des Bundesverfassungsgerichts zu anderen nationalen und internationalen Gerichten, sondern auch zu den Parlamenten als Gesetzgeber ist dabei aufgrund des gewichtigen Einflusses des Bundesverfassungsgerichts ein immer wieder diskutiertes Thema.
Das Bundesverfassungsgericht kann auch in seiner historischen Entwicklung betrachtet werden: Hat sich die Rolle und haben sich die Aufgaben des Bundesverfassungsgerichts in den letzten 75 Jahren verändert? Und mit Blick auf Gegenwart und Zukunft: Welchen Herausforderungen begegnet das Bundesverfassungsgericht heute und welche Rolle spielt es bei Anstoß und Entwicklung gesellschaftlicher Transformationen?
TAGESABLAUF
- 09:00 Uhr: Treffpunkt am Bundesverfassungsgericht
- 09:30 – 12:00 Uhr: Rundgang durch das Bundesverfassungsgericht und Gespräch mit Verfassungsrichterin Dr. Yvonne Ott
- 12:00 – 13:00 Uhr: Gemeinsames Mittagessen
- 13:00 Uhr: Vortrag von PD Dr. Frieder Günther (Historiker und Leiter Forschungskoordination und Wissensmanagement, Stiftung Forum Recht): „Ein atemberaubender Aufstieg: Was wir aus der Geschichte des Bundesverfassungsgerichts lernen können" mit anschließender Fragerunde
- 14:00 Uhr: Vortrag von Prof. Dr. Werner Finger (Anwalt mit Schwerpunkt auf Verfassungsrecht): „,Falls erforderlich bis nach Karlsruhe…‘ – Verfassungsbeschwerden und die Rolle des Bundesverfassungsgerichts aus Anwaltsperspektive“ mit anschließender Fragerunde
- 15:00 – 16:00 Uhr: Workshop & Abschlussdiskussion
Über die Thementage
Die Thementage sind eintägige Fortbildungen und kombinieren den Besuch eines Ortes, der mit Recht und Rechtsstaatlichkeit in Zusammenhang steht, mit Praxisgesprächen, Fachvorträgen und dem Austausch im Workshopformat.
Die Veranstaltungen richten sich an Multiplikator:innen aus den Bereichen Schule und Volkshochschule, politische Bildung sowie anderen Bildungseinrichtungen. Ebenso sind Jugendleiter:innen oder Sozialarbeiter:innen, aber auch Medienschaffende sowie weitere Personen mit fachlicher Nähe zum Themenfeld herzlich eingeladen. Ziel ist es, den Teilnehmenden praxisnahe Einblicke zu ermöglichen und vertiefendes Wissen zu vermitteln, sodass sie in ihren jeweiligen Tätigkeiten kompetent über die behandelten Themen sprechen und über Missverständnisse in ihren Zielgruppen aufklären können.
Für Rückfragen zu unseren Fortbildungen schreiben Sie uns gerne eine Email an fortbildungen(at)stiftung-forum-recht.de.