15. Juni 2026
Recht haben und Recht bekommen – zwei verschiedene Dinge?
Rückblick zur Podiumsdiskussion „Zugang zum Recht: Recht bekommt, wer es sich leisten kann?“ in Freiburg am 08. Juni
Gilt das Recht in Deutschland für alle gleichermaßen? Oder hängt der Zugang zum Recht von Faktoren wie Einkommen, Bildung oder sozialem Umfeld ab? Diese Fragen standen im Mittelpunkt einer Podiumsdiskussion der Stiftung Forum Recht, der Konrad-Adenauer-Stiftung und des Deutschen Anwaltvereins (DAV) am 08. Juni 2026 in Freiburg.
Unter der Moderation von Gottfried Haufe diskutierten Paula Edling vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) und Dr. Fabian Widder, Vizepräsident des DAV, über Vertrauen in den Rechtsstaat, strukturelle Hürden und mögliche Lösungsansätze.
Der kleine Unterschied: Zwischen Recht haben und Recht bekommen
Schon zu Beginn wurde deutlich, dass zwischen „Recht haben“ und „Recht bekommen“ ein Unterschied bestehen kann. Zwar genießt das deutsche Rechtssystem grundsätzlich hohes Vertrauen, doch der tatsächliche Zugang zum Recht ist nicht für alle Menschen gleich einfach.
Paula Edling verwies darauf, dass viele Menschen staatliche Institutionen als schwer zugänglich wahrnehmen würden. Oft fehle das Bewusstsein dafür, dass man eigene Rechte aktiv einfordern kann. Gerichte würden nicht selten als fremde und einschüchternde Orte erlebt. Diese Wahrnehmung sei eine zentrale, aber häufig übersehene Barriere.
Empirische Leerstellen: Wer geht vor Gericht – und wer nicht?
Ein zentrales Thema war der Mangel an Daten darüber, unter welchen Umständen tatsächlich geklagt wird. Während die Zahl der Gerichtsverfahren seit Jahren sinkt, ist unklar, ob dies auf weniger Konflikte oder auf höhere Zugangshürden zurückzuführen ist.
Paula Edling berichtete auch von aktuellen Forschungsprojekten, die untersuchen, wer vor Gericht erscheint, wer anwaltlich vertreten ist und wer Beratungshilfe nutzt. Denn, bevor ein Rechtsstreit überhaupt vor Gericht landet, müssen Menschen zunächst erkennen, dass sie ein rechtliches Problem haben – und wissen, an wen sie sich wenden können.
Vertrauen – aber nicht bei allen gleichermaßen
Laut Allensbach-Umfrage ist das Vertrauen in staatliche Institutionein Deutschland insgesamt hoch, verteilt sich jedoch ungleich. Menschen mit höherem Einkommen, höherer Bildung und ohne Migrationsgeschichte vertrauen staatlichen Institutionen häufiger als andere Bevölkerungsgruppen. Auch zwischen alten und neuen Bundesländern bestehen Unterschiede, erläuterte einführend der Moderator.
Dr. Fabian Widder unterstrich in seiner Argumentation, dass Vertrauen in den Rechtsstaat nicht selbstverständlich sei. Transparenz und Nachvollziehbarkeit von Verfahren seien wichtig, gleichzeitig könnten komplexe und weit entfernte Institutionen das Gefühl verstärken, vom Rechtssystem ausgeschlossen zu sein.
In der Diskussion lenkte Paula Edling die Perspektive auf eine grundlegendere Ebene: Viele Menschen nähmen staatliche Institutionen nicht in ihrer strukturellen Trennung wahr – der Gedanke der Gewaltenteilung sei für einen großen Teil der Bevölkerung abstrakt. Noch grundlegender: Man müsse erst einmal verstehen, dass man als Individuum Rechte hat, die man aktiv einfordern kann. Gerichte würden oft als etwas Fremdes, Einschüchterndes wahrgenommen – nicht als Orte, die einem offenstehen.
Diese Wahrnehmungshürde, so Edling, sei eine der zentralsten und am wenigsten diskutierten Barrieren im Zugang zum Recht.
Der praktische Zugang: Anwälte, Beratungshilfe und strukturelle Hürden
Wie komme ich zu meinem Recht? Diese Frage beginnt laut Dr. Fabian Widder oft schon bei der Suche nach anwaltlicher Unterstützung. Während das Angebot in Städten vergleichsweise gut sei, werde die anwaltliche Versorgung in ländlichen Regionen zunehmend schwieriger.
Paula Edling führte die Möglichkeit der Beratungshilfe für Menschen mit geringem Einkommen an. In der Praxis würde dieses Instrument jedoch an Grenzen stoßen: Die Vergütung für entsprechende Mandate sei gering, sodass nicht jede Kanzlei solche Fälle übernehmen könne. Zudem gilt die Beratungshilfe jeweils nur für ein konkretes Rechtsproblem, obwohl soziale, mietrechtliche oder familienrechtliche Fragen häufig miteinander verbunden sind.
Gerade im Sozialrecht werde sichtbar, wie eng der Zugang zum Recht und finanzielle Möglichkeiten zusammenhängen, Erklärte Dr. Fabian Widder anschließend. Bereits das Ausfüllen von Formularen stelle für viele Menschen eine erhebliche Hürde dar
Der praktische Zugang: Anwälte, Beratungshilfe und strukturelle Hürden
Wie komme ich zu meinem Recht? Diese Frage beginnt laut Dr. Fabian Widder oft schon bei der Suche nach anwaltlicher Unterstützung. Während das Angebot in Städten vergleichsweise gut sei, werde die anwaltliche Versorgung in ländlichen Regionen zunehmend schwieriger.
Paula Edling führte die Möglichkeit der Beratungshilfe für Menschen mit geringem Einkommen an. In der Praxis würde dieses Instrument jedoch an Grenzen stoßen: Die Vergütung für entsprechende Mandate sei gering, sodass nicht jede Kanzlei solche Fälle übernehmen könne. Zudem gilt die Beratungshilfe jeweils nur für ein konkretes Rechtsproblem, obwohl soziale, mietrechtliche oder familienrechtliche Fragen häufig miteinander verbunden sind.
Gerade im Sozialrecht werde sichtbar, wie eng der Zugang zum Recht und finanzielle Möglichkeiten zusammenhängen, Erklärte Dr. Fabian Widder anschließend. Bereits das Ausfüllen von Formularen stelle für viele Menschen eine erhebliche Hürde dar
Unternehmen, Einzelpersonen und sprachliche Barrieren
Die Diskussion zeigte außerdem, dass sich gesellschaftliche Ungleichheiten auch vor Gericht widerspiegeln können. Kommt es zu einer Klage, sind Unternehmen meist anwaltlich vertreten, Einzelpersonen dagegen häufig nicht. Entsprechend unterscheiden sich oft die Erfolgsaussichten. Sind beide Seiten anwaltlich vertreten, gleichen sich die Chancen deutlich an.
Auch Sprache kann den Zugang zum Recht erschweren. Viele rechtliche Verfahren setzen gute Deutschkenntnisse voraus. Gleichzeitig ist juristische Sprache selbst für Muttersprachler:innen oft schwer verständlich. Die Herausforderung besteht darin, komplexe Sachverhalte rechtssicher zu formulieren und dennoch verständlich zu bleiben.
Digitalisierung, Legal Tech und die Frage nach der Beschleunigung
Kann Künstliche Intelligenz den Zugang zum Recht verbessern? Die Podiumsgäste sahen hier Chancen, aber auch Grenzen. Bei standardisierten Verfahren – etwa im Bereich der Fluggastrechte – könnten digitale Anwendungen bereits heute hilfreich sein. Für komplexe Rechtsfragen seien sie jedoch noch kein Ersatz für menschliche Beratung.
Einigkeit bestand darin, dass Digitalisierung zur Beschleunigung von Verfahren beitragen kann und bereits heute positive Effekte zeigt. Gleichzeitig dürfe der Wunsch nach schnelleren Verfahren nicht zulasten der Sorgfalt und Qualität gerichtlicher Entscheidungen gehen.
Was Hoffnung macht
Zum Abschluss richteten die Podiumsgäste den Blick nach vorn. Hoffnung machten ihnen unter anderem Fortschritte beim Gewaltschutz, zusätzliche finanzielle Mittel für Unterstützungsangebote sowie die fortschreitende Digitalisierung der Justiz. Auch die zunehmende Vielfalt innerhalb der Anwaltschaft wurde als positive Entwicklung hervorgehoben.
Der Abend machte deutlich: Zugang zum Recht beginnt lange vor dem Gerichtssaal. Er hängt von Wissen, Sprache, finanziellen Möglichkeiten, räumlicher Nähe und Vertrauen in staatliche Institutionen ab. Wer über den Rechtsstaat spricht, muss deshalb nicht nur auf Gerichte und Gesetze blicken, sondern auch auf die gesellschaftlichen Voraussetzungen, die Menschen den Weg zum Recht eröffnen – oder erschweren.
Eine Veranstaltung der Stiftung Forum Recht in Kooperation mit der Konrad-Adenauer-Stiftung, Regionalbüro Südbaden, und dem Deutschen Anwaltverein (DAV). Zu Gast waren Paula Edling (WZB) und Dr. Fabian Widder (DAV), moderiert von Gottfried Haufe.
Rahmenprogramm zum Deutschen Anwaltstag in Freiburg
Im Rahmen des Deutschen Anwaltstags öffnete die Stiftung Forum Recht mit mehreren Veranstaltungen den Austausch über Recht und Rechtsstaat gezielt für die Stadtgesellschaft. Die mobile Pop-Up-Ausstellung „Recht – Spielregeln des Alltags“ vom 27. Mai bis 15. Juni konnte kostenfrei auf dem Europaplatz besucht werden. In Kooperation mit dem Deutschen Anwaltverein fand am 11. Juni 2026 eine Rechtsberatung zu sozialrechtlichen Themen im Sozialgericht Freiburg statt. Zudem nahm Dr. Cord Brügmann, Direktor der Stiftung Forum Recht, am 11. Juni an der Diskussionsrunde „Raus aus der juristischen Blase, rein ins Leben – Recht und demokratischer Zusammenhalt in Zeiten des Wandels“ teil.
Der Deutsche Anwaltstag ist die bundesweite Tagung der Anwaltschaft, die sich beruflichen und rechtspolitischen Themen widmet und in diesem Jahr vom 10. bis 12. Juni in Freiburg stattfand.